(Welt am Sonntag, Februar 2003)
Terrorbekämpfung per Mausklick
Geheimdienste, Polizei und Militär setzen auf Super-Suchmaschinen, die Satzzusammenhäge verstehen und alle Dokumente durchforsten können.
Blau oder türkis? Der kleine Farbunterschied lieferte den Grund dafür, dass die Fahndung nach einem Serienmörder in Großbritannien lange Zeit im Sande verlief. Denn eine Stichwortsuche in den erfassten Vernehmungsprotokollen blieb ergebnislos - blau und türkis sind unterschiedliche Wörter und die damals verfügbaren Methoden der Textsuche waren nicht in der Lage, den Zusammenhang zwischen den beiden Bezeichnungen zu erkennen. Nach dem zweiten Mord hatten zwei Zeugen Folgendes zu Protokoll gegeben: Eine Zeugin gab an, sie habe einen Mann in einem blauen Kapuzen-Sweatshirt vom Tatort weglaufen sehen. Der andere Zeuge sagte aus, er habe gesehen, wie ein Mann in einem türkisen Pullover die Gegend verließ. Auch die eigenhändige Suche der Beamten von Scotland Yard in den Protokollen nach Parallelen war erfolglos, denn bei der Vielzahl der Zeugenbefragungen war es schwierig und zeitaufwändig, die Aktenberge zu durchforsten. Erst nach dem neunten Mord wurden alle dokumentierten Aussagen mit Hilfe der Suchtechnologie von Autonomy durchstöbert. Sie erkannte die Beziehung zwischen den beiden entscheidenden Worten, stellte deren Bedeutung im Sinnzusammenhang heraus und half so bei der strafrechtlichen Verfolgung des Täters. Die Technologie gehört zu den sogenannten "information retrieval-Systemen". Sie durchforsten mittels Algorithmen die Inhalte von Webseiten, Word-Dokumenten, e-Mails, Nachrichtenartikeln und Texten aller Art. Fachleute sprechen von "data mining". Selbst Stimm- und Videoaufnahmen können nach bestimmten Suchworten oder Fragen durchkämmt werden. Mit der Software lassen sich Tätigkeiten, die früher Zeit raubend manuell ausgeführt werden mussten, wie die Strukturierung, Kennzeichnung, Kategorisierung, Verknüpfung und Übermittlung von Daten, automatisch abwickeln. Und das oft unabhängig von der vom Suchenden verwendeten Sprache. Mit dieser Leistungsfähigkeit sind sie reinen Internet-Suchmaschinen wie Google in mehrfacher Hinsicht überlegen.
Regierungsbehörden, Polizei und Geheimdienste in aller Welt, aber auch Unternehmen wollen mit den Super-Suchmaschinen das Optimum an Informationen aus der täglich über sie hereinbrechenden Infoflut herausholen können. Dass viele Kunden aus der Schlapphut-Szene stammen, ist kein Zufall, denn manche Anbieter kommen selbst aus dem Geheimdienstumfeld.
So ist System-Hersteller Verity eine Ausgründung der CIA. Seine Suchtechnologien werden außer vom US-Auslandsgeheimdienst auch von FBI, Pentagon und den Technologie-Spezialisten der National Security Agency (NSA) eingesetzt. Weltweit hat der Software-Anbieter mit Sitz im kalifornischen Sunnyvale nach eigenen Angaben 100 Millionen Nutzer. Auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien setzt im Kampf gegen den nuklearen Terrorismus auf die Suchtechnologie von Verity. Ungefähr 5 Millionen Dokumente in allen möglichen Dateiformaten liegen hinter der IAEA-Firewall. Zusätzlich überwacht die IAEA permanent mehrere Hundert Informationsquellen zum Thema Verbreitung nuklearer Stoffe. Zum Beispiel könnte ein Inspektor, Analytiker oder Wissenschaftler der IAEA einfach die Suchbegriffe "Kazakstan Pu" eingeben: Veritys Portal-Infrastruktur-Software korrigiert die Rechtschreibung dann selbständig zu "Kazakhstan," und interpretiert die Abkürzung für Plutonium "Pu". Die Ergebnisse in der Dokumentenliste beziehen sich alle auf das gewünschte, aber nicht ausführlich beschriebene Thema , nämlich Plutoniumaktivitäten in Kasachstan. "Der präzise Aufbau der gesamten Content-Struktur ist für unsere Benutzer sehr wichtig," sagt Livio Costantini, Abteilungsleiter beim Information Support Services der Atomenergiebehörde. "Unsere Information muss sehr präzise klassifiziert werden, vor allem da wir beim Kreislauf des radioaktiven Materials verschiedenen Technologien begegnen. Es gibt sehr viele Schritte, um ein Kernkraftwerk zu bauen - so sind Information und Daten über jedes einzelne Element dieses Prozesses sehr wertvoll." Inwieweit das System bei der Suche der IAEA-Inspektoren nach Massenvernichtungswaffen im Irak eingesetzt wird, darüber hüllt sich die Atomenergiebehörde in Schweigen.
Die US-Regierung setzt für die Zukunft voll und ganz auf die Super-Suchmaschinen. Die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), eine Forschungsorganisation des Pentagon, die Ende der 60er Jahre bereits das Internet initiierte, hat vor wenigen Monaten unter dem bezeichnenden Titel "Total Information Awareness" einen Auftrag für ein System zur Analyse von Informationen ausgeschrieben. Das revolutionär zu charakterisierende Ausmaß des auf fünf Jahre angelegten, Hunderte von Millionen Dollar teuren Projekts sprengt alle bisherigen Grenzen des data mining. Während Kritiker den vielbeschworenen Orwellschen Überwachungsstaat heraufziehen sehen, beteuert die Bush-Administration, es gehe ihr lediglich um die frühzeitige Erkennung terroristischer Aktivitäten.
Auch die Bundesregierung plant den Einsatz der intelligenten Software. So möchte das Finanzministerium damit im Internet nach Gewerbetreibenden fahnden, die nicht offiziell gemeldet sind. Auf der Suche nach fehlenden Steuergroschen kommt eben heute auch das Finanzamt nicht mehr an High-tech vorbei.
Webadressen:
www.autonomy.com ,
www.darpa.mil/iao ,
www.verity.com/de ,
www.convera.com .
