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Ulrich Hottelet
Freier Journalist

(Ostsee-Zeitung, Juli 2003)

Stettins Wirtschaft hofft auf bessere Zeiten nach dem EU-Beitritt

Lässt man als Autofahrer auf der Fahrt nach Stettin (Szczecin) den Grenzübergang Linken hinter sich, so springen einem die zahllosen Werbeschilder ins Auge. Ein Geschäft jagt das nächste und preist bunt und fast immer auch in deutscher Sprache seine Waren an. Konsumparadies Stettin, wo die Wirtschaft brummt? Leider nein, denn der schöne Schein trügt. Die Arbeitslosigkeit in der Region um Stettin beläuft sich auf 24 Prozent, das sind sechs Prozentpunkte mehr als im Landesdurchschnitt in Polen und ist ungefähr so hoch wie im benachbarten Ostvorpommern auf deutscher Seite. Manche Kreise im polnischen Westpommern zählen sogar zu denen mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Polen.

"Die Produktionsbetriebe in Stettin haben dicht gemacht. An ihre Stelle sind Einzelhandels- und Baumärkte auf der grünen Wiese getreten. Die Stadtverwaltung hat gegen diese Entwicklung nichts getan. Man verließ sich zu sehr auf den großen Arbeitgeber Werft, aber die erlitt eine Krise und musste viele Beschäftigte entlassen", erklärt Manfred Meyer, Vorstandsvorsitzender des Umwelttechnik-Herstellers Form-Pat. Das deutsch-polnische Gemeinschaftsunternehmen hat seinen Sitz in der Oderstadt. "Meine Kunden sind alle außerhalb der Stadt und über ganz Polen verteilt." Schließlich haben nur Produktionsfirmen Bedarf an der Abwasser- und Abfalltechnik von Form-Pat. Doch auch in anderen Regionen Polens ist die Marktlage schwierig. Das Land hat zwar im Vorgriff auf den EU-Beitritt viele Umweltschutzvorschriften eingeführt, aber deren Einhaltung wird kaum kontrolliert und so sieht mancher Produktionsleiter Umweltschutz als unnötigen Kostenfaktor. "Ich hoffe sehr darauf, dass die Kontrollen nach dem Beitritt im Mai 2004 stark zunehmen", sagt Meyer.

Investitionen ausländischer Unternehmen brachten keine Abhilfe. "Viele deutsche Firmen überspringen die Grenzregion und investieren im Landesinneren. Aber auch polnische Unternehmen aus Stettin suchten sich Geschäftspartner eher in Bremen und Hamburg statt in Pasewalk", berichtet Adam Pawlak vom Deutsch-Polnischen Unternehmerverband. Die im Jahre 2000 gegründete Vereinigung unterstützt deutsche Firmen bei ihren Aktivitäten im Nachbarland. Besonders die schwerfällige polnische Bürokratie ist ihm ein Dorn im Auge. Und so ist Ärger mit dem polnischen Fiskus das häufigste Thema in der Beratung deutscher Unternehmen. Doch auch all die Initiativen, Kontaktbörsen und Gesprächskreise im "Haus der Wirtschaft" in Stettin konnten nicht verhindern, dass die Zahl der deutschen Investoren in der Region seit 1998 gesunken ist. Der Grund dafür ist in erster Linie die seit Jahren herrschende Wirtschaftskrise in Polen. Dass der nötige Aufschwung nicht ohne Auslandsinvestitionen zu stemmen ist, sieht inzwischen auch der erst seit einigen Monaten im Amt befindliche Bürgermeister Stettins ein. Noch im Wahlkampf spielte er erfolgreich die nationalistische Karte. Kaum gewählt, hatte er es überraschend eilig, mit vorpommerschen Unternehmensvertretern im Haus der Wirtschaft ins Gespräch zu kommen.

Auch die deutschen Manager wollen Exportbarrieren aus dem Weg räumen. "Unsere Seminarreihe ‚Knigge für deutsche Unternehmer in Polen' trifft auf gute Resonanz", sagt Geschäftsführer Torsten Haasch von der IHK Neubrandenburg. Momentan betrieben allerdings nur 200 Unternehmen aus dem Kammerbezirk Außenhandel mit Polen. "Das macht nur Sinn für finanziell solide Unternehmen. Denn anfangs muss man Durststrecken durchstehen können."

Mehr als ein Hoffnungsschimmer für den Handel zwischen Vorpommern und dem polnischen Westpommern ist, da sind sich alle einig, der EU-Beitritt im nächsten Jahr. Denn zumindest eines steht fest: Die stundenlangen Wartezeiten der LKW an der Grenze wegen der Zollformalitäten gehören dann der Vergangenheit an und pünktliche Warenlieferungen ins Nachbarland sind kein Wunschtraum mehr.

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