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Ulrich Hottelet
Freier Journalist

(Wirtschaftskurier, Oktober 2009)

Barfuß im Büro

Akademischer Freiraum ist wichtig für eine erfolgreiche Produktentwicklung

Die Arbeitsbedingungen für Forscher bei Microsoft klingen geradezu ideal: Die Atmosphäre unter den Kollegen ist entspannt, manche sind ganz im Gegensatz zu den Managern barfuß im Büro unterwegs, jeder Angestellte hat im Durchschnitt einen oder zwei Praktikanten, der Konzern investiert über 7 Mrd. US-Dollar jährlich in seine Tüftler und erwartet dafür nur von 10 % bis 20 % der Projekte, dass sie in eine Produktentwicklung münden und damit kommerziell verwertbar werden. Diese Angaben stammen von Henrique Malvar, Geschäftsführer von Microsoft Research (MSR), Redmond, und Rainer Kuehling, Manager der IP Ventures der Software-Schmiede.

Ihre rosig-lockere Beschreibung steht im Kontrast zu den sehr ambitionierten Vermarktungszielen, die Microsoft durch den eigenen Vertrieb oder mittels seiner Eigentumsrechte an den aus dem Forschungsbereich ausgegründeten Unternehmen erreichen will. „Der Konzern ist so groß und hat so viele Abteilungen, dass nur Firmen mit einem potenziellen Umsatz von 1 Mrd. US-Dollar sichergehen können, dass sie hier Beachtung finden. Ein Umsatz von 50 Mio. US-Dollar ist zwar ganz nett, dennoch kann ein solches Unternehmen aber vom Radar verschwinden“, so Kuehling zur Konzernstrategie.

Auch die Mitarbeiterzahl in der Denkschmiede ist ungewöhnlich hoch: Über 800 Forscher, fast alle promoviert, beackern 55 Forschungsgebiete. Damit ist sie eine der größten Software-Forschungsorganisationen der Welt. Nach Vorbild des Konzerns hat auch die Forschungsabteilung seit ihrer Gründung 1991 global expandiert und unterhält eigene Labore in England, Indien und China neben denen in den USA. „Ein Drittel der Arbeit ist Grundlagenforschung, zwei Drittel sind produktorientiert“, sagt Malvar und hebt hervor, dass fast jedes Microsoft-Produkt den Anfang in seiner Abteilung genommen habe. Ein eigenes Technologietransfer-Team hilft beim Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Es studiert die laufenden Forschungsprojekte und trifft sich mit den Produkt-Teams, um potenzielle Anwendungsmöglichkeiten zu eruieren. Dennoch sind Malvar und seine Kollegen nicht vor dem provokativen Humor ihrer obersten Chefs gefeit. „Es kommt schon mal vor, dass einer hier hereinkommt und fragt: ‚Was tut ihr hier eigentlich?‘“

Trotz des Heeres an eigenen Wissenschaftlern – in erster Linie Informatiker, Ingenieure und Mathematiker – arbeiten die Redmonder intensiv mit Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen, aber auch mit anderen Wissenschaftlern aus Industrie und Regierungsbehörden zusammen. Den akademischen Anspruch untermauern über 3700 Publikationen von Microsoft Research in den zurückliegenden 18 Jahren.

Wie weitgespannt der Schirm der Forschungsaktivitäten ist, zeigt die Arbeit zweier Forscher, die eine Software entwickelt haben, die Muster in den Mutationen des HI-Virus entdeckt. Brauchten Mediziner für diese Analyse bisher über fünf Jahre, so schafft das die neue Software innerhalb einiger Monate. Dabei werden Algorithmen angewandt, die denen im Datenbank-Management, bei der Kompression von Dateien und bei der Blockade von Spam-Mails ähneln. Die Software soll Biomedizinern dabei helfen, den richtigen Satz an genetischen Komponenten für einen Impfstoff gegen AIDS zu entdecken. Andere Tummelplätze reichen von Lokalisierungsdiensten über Spracherkennung, Telepräsenz, lernfähigen Suchtechnologien bis zu Peer-to-Peer-Filesharing und Mobilitätsservices.

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