(Financial Times Deutschland, März 2005)
Wenn der Kühlschrank im Internet die Milch bestellt
Gehören Sie auch zu den zerstreuten Zeitgenossen, die nach Verlassen des Hauses grübeln, ob sie den Herd ausgeschaltet, das Licht ausgemacht und die Haustür abgeschlossen haben? Wer bislang im Geiste schon das Haus in Flammen oder zumindest von Dieben leer geräumt gesehen hat, dem kann künftig geholfen werden: Mit dem Handy lassen sich per WAP-Browser von unterwegs aus Elektrogeräte, Heizung, Türen und Fenster bedienen. Das vernetzte Heim macht's möglich.
Viele maßgebliche IT- und Telekommunikationsunternehmen setzen mehr denn je auf das große Marktpotenzial der Anwendungen rund um das digitale Haus. Gerade die europäischen Telefonfestnetz-Anbieter wie Telekom, BT Group, France Telecom und KPN, die in jüngster Zeit von sinkenden Umsätzen gebeutelt wurden, wollen damit ihre Verluste ausgleichen. Denn die schöne, neue Multimedia-Welt im digitalen Wohnzimmer erfordert Breitband-Anschlüsse. Und damit winken den Konzernen stete und einträgliche Flatrate-Umsätze im härter werdenden Telefonie-Geschäft.
Das Anwendungsspektrum der durch die gegenseitige Vernetzung intelligenten Geräte ist äußerst vielfältig. So lassen sich zum Beispiel per Fernseher oder PC alle Haushaltsgeräte steuern. Türen erkennen den Bewohner und öffnen sich, wenn er sich ihnen nähert. Wenn jemand sein "digitales Haus" von unterwegs anruft, könnte ihm beispielsweise der Kühlschrank mitteilen: "Die Milch ist aus. Soll ich sie wie üblich bestellen?" - und dies dann über Internet auch tun. Oder die Milch wird gleich automatisch vom Vorratslager geordert, das darüber wacht, dass immer ein Mindestbestand bestimmter Lebensmittel im Haus vorhanden ist.
Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Der Zugriff müsse immer, überall und mit jedem Gerät möglich sein, lautet das ehrgeizige Ziel der Anbieter vernetzter Heimtechnik. Doch während sich die Branche bislang noch oft noch darauf beschränken musste, schillernde Visionen an die Wand zu malen, werden auf der CeBIT "nicht die Zukunft gezeigt, sondern Geräte, die funktionieren und schon heute zu kaufen sind", betont Frank Rudwinsky, der für die Messe das Demo-Projekt Digital Lifestyle Home organisiert. Nachdem so mancher hoch fliegende Plan der Vergangenheit in der Marktrealität jäh abgestürzt war, weil die Masse der Verbraucher für die teure Technik schlicht nicht so tief in die Tasche greifen wollte, sind die Anbieter pragmatischer geworden. Das Heimnetzwerk schlechthin wird es daher nicht geben. Die Netzwerke unter den einzelnen Geräten werden vielmehr allmählich wachsen. "Der Kunde ist heute bereit, insbesondere für Unterhaltung und Infodienste zu bezahlen", sagt Axel Garbers, Bereichsleiter digitale Medien und e-Dienste beim IT-Branchenverband Bitkom. "Auch Anwendungen für mehr Sicherheit wie die automatische Benachrichtigung der Polizei bei Einbruch und die Videoüberwachung der Räume sind gefragt, ebenso wie Dienste im Bereich Gesundheit."
Schon heute haben manche Anbieter neben den Liebhabern von Komfort im Alltag alte oder pflegebedürftige Menschen als Zielgruppe anvisiert. So gibt es ein System, das Atmung und Puls überwacht, an die Einnahme von Medikamenten erinnert und im Notfall selbstständig den Arzt anruft. Gewissermaßen eine Art digitale Rundum-Fürsorge.
Dagegen fragt sich wohl so mancher, wozu er die Waschmaschine aus der Ferne per Handy einschalten können soll, solange er die Wäsche ohnehin per Hand in die Maschine stopfen muss. Die Anbieter werden sich daher nach den individuellen Kundenwünschen richten müssen und erweiterbare Modullösungen entwickeln. In technischer Hinsicht wird sich das Internet-Protokoll IP als führender Standard durchsetzen. Und die drahtlose Funktechnik WLAN wird das Problem der nicht vorhandenen Verkabelung in Altbauten lösen.
Auf der CeBIT, aber auch demnächst in Berlin demonstriert die Deutsche Telekom die Einsatzmöglichkeiten digitaler Heimtechnik in einem eigens errichteten Haus. Ab April können in der Hauptstadt Interessenten für ein verlängertes Wochenende in das T-Com-Haus einziehen und dort Dienste erleben wie ein Stimmungsmanagement in den Räumen per Musik, Video und Licht, ein interaktives schwarzes Brett und Multimedia-Anwendungen aller Arten. Zentrales Steuerungsinstrument ist ein WLAN-fähiger PDA.
Im Paderborner Computermuseum Heinz Nixdorf Forum ist noch bis Ende März ein Mini-Roboter zu sehen, der die Wohnung überwacht und bei Einbruch Alarm schlägt. Die Waschmaschine von morgen übermittelt eine Nachricht auf das Handy der Bewohner, wie lange sie noch schleudert und spart so den Gang in den Keller. Und ein Teppich ist mit Drucksensoren ausgestattet, die bei unbefugtem Betreten Alarm geben. Denkbar ist auch der Einsatz als Notfallmelder: Liegt jemand längere Zeit auf dem Teppich, wird automatisch der Notarzt gerufen. Besonders für Yoga-Jünger und Meditierende fürwahr ein riskanter Service...
